Liebe ins System

Mein Morgen war schrecklich. Und dann war er es nicht mehr.

Aus dem Schlaf gerissen vom schrillen Aufheulen einer Einjährigen. Blick zur Uhr – noch 20 Minuten bis zur Aufstehzeit. Na toll. Zu wenig, um noch mal einzuschlafen, zu früh, um mich jetzt schon hochzuquälen. Also At im Liegen beruhigen und hoffen, dass … Ac beschwert sich über den fehlenden Nucki. Will zu At. Ich werde zu Takeshi’s Castle für zwei Kleinkinder.

Cut ins Bad: Ich schiebe mir die Zahnbürste in den Mund. At klammert sich an mein Bein und will auf den Arm. Also gut. Zähne putzen, ausspucken, Mund ausspülen – geht ja alles einhändig. Anziehen.  Ah, wie mache ich das jetzt … Ob ich sie wohl …? Ängstliches Janken. Nein, ich soll sie nicht absetzen. Aber ich muss mich doch anziehen … Also Augen zu und durch. Ich setze sie vorsichtig auf den Boden und greife mir die Hose. Sie klammert sich an mein Bein. Ich mache sie los und schiebe das Bein in die Hose. Sie klammert sich an mein anderes Bein.

Ich mache sie los und fluche: „Ich will mich wenigstens einmal einfach nur in Ruhe anziehen!“ N blafft mich an: „Krieg dich mal in den Griff!“ Ich blaffe zurück: „Musst du gerade sagen! Ich mach hier nur meinem Frust Luft, das nennt sich Psychohygiene!“ „Meinetwegen, aber ich kann das hier nicht gebrauchen und At kann auch nichts dafür!“ Von da an herrscht stinkiges Schweigen zwischen uns.

Der Rest des Morgens verläuft erwartbar anstrengend mit diversen Meltdowns wegen Kleidung, Essen und Spielzeug, dann sind die drei wichtigsten Menschen in meinem Leben endlich aus der Tür – gesegnete Ruhe. Ich brodle immer noch innerlich. Was mache ich jetzt? Und da kriege ich die entscheidende Kurve, die den gesamten Tag anders ausrichtet.

Erst mal schnappe ich mir meine Körperbürste und schrubbe mich von oben bis unten ab, dann eincremen mit der Bodylotion, die ich so gern rieche. Das Stressprickeln bin ich so nach zehn Minuten wieder los. Während des Bürstens ist mir noch der Streit mit N durch den Kopf gegangen, inklusive zahlreicher schlagfertiger und lehrreicher Erwiderungen … die ich am Ende alle beiseite schieben kann, weil mir etwas viel Wichtigeres gelingt: den Mann zu sehen, den ich liebe und der denselben beschissenen Start in den Tag hatte wie ich.

Und jetzt überlege ich: Womit könnte ich ihm ein wenig Sonne in den Tag zaubern? Als Erstes recherchiere ich nach Blumenlieferungen ins Büro, aber zehn Euro für Sofortlieferung bei Sträußen ab 40 Euro aufwärts ist mir dann doch zu viel. Karte noch mal fünf Euro extra. Aber was ich auf die Karte drucken lassen würde … macht sich auch super als persönliche Liebesbotschaft auf dem Handy. Gedacht, getan! Schon beim Schreiben habe ich selbst ein Lächeln auf den Lippen. Absenden, endlich los mit der Erwerbsarbeit.

Halt, erst noch kurz ne insta-Story zu meinen Erlebnissen des Morgens. Editor öffnen – da strahlt mir ein überglückliches Lächeln meines Mannes entgegen! Seine Antwort auf meine Nachricht ist ein Selfie, das mehr sagt als tausend Worte und mir nun als wunderschöne Überraschung aus meinem Cache auf insta entgegenploppt. Also antworte ich tief gerührt erst mal darauf – Verbindung wiederhergestellt, und ganz ohne mich in den Ruin zu stürzen ;).

Bevor ich dann aber wirklich das Handy beiseite lege, sehe ich noch eine Benachrichtigung in der Statusleise. Google Fotos will was von mir: „Sieh dir an, was du vor sechs Jahren gemacht hast!“. Vor sechs Jahren? Da … hatte ich noch keine Kinder. Wie unvorstellbar fern diese Zeit auf einmal erscheint. Normalerweise wische ich das weg (wollte schon längst mal ausstellen, dass die App mich überhaupt belästigen darf), aber gerade bin ich so gut gelaunt, dass ich neugierig draufklicke. Und belohnt werde mit einer Diashow von unserer innig geliebten, vor knapp vier Jahren verstorbenen ersten gemeinsamen Katze Nimuë, die mir ein zweites Mal Freudentränen in die Augen treibt.

Und so wird aus meiner insta-Story statt einem Frustausbruch das Teilen einer Erkenntnis, die sich mit meiner Coaching-Ausbildung immer mehr festigt: Gib das in die Welt raus, was du empfangen willst. Ich als Teil meines Systems bin die einzige Stellschraube, an der ich drehen kann. Wenn ich mich also in meinem System wohler fühlen will, gebe ich selbst das hinein, was mir fehlt: in diesem Fall Liebe.

Das Verhalten anderer Menschen kann ich nicht ändern, nur mein eigenes. Und weil ich in diesem Fall mein Verhalten auf die Liebe ausgerichtet habe und dadurch „auf Liebe eingestellt“ war, wurde ich mit gleich zwei zu Tränen rührenden Momenten beschenkt, die ich nicht gehabt hätte, hätte ich einfach grummelnd meine Übersetzung in den Rechner gehackt, statt in die Verbindung zu gehen und neugierig zu sein.

Vielleicht hilft diese Geschichte ja auch euch, beim nächsten Mal, wenn irgendwas so richtig scheiße läuft, einmal durchzuatmen und euren Fokus darauf zu richten: Was kann ich tun, um jetzt jemand anderem etwas Gutes zu tun? Dann geht es nämlich erstens euch selbst besser (Schenken macht immer mehr Freude als Beschenktwerden) und zweitens seid ihr offen für das Gute, das in euer Leben kommt.


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